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0:00Herzlich willkommen zu unserer heutigen
0:01Analyse. Wir werfen heute einen sehr
0:04genauen Blick auf die zahnärztliche
0:06Chirurgie und stützen uns dabei komplett
0:09auf das achte Kapitel ihrer Unterlagen.
0:12Hallo auch von meiner Seite.
0:14Wir gehen da ja quasi den Lebenszyklus
0:16eines Problems durch. Erst muss etwas
0:18raus, dann versucht man etwas zu retten
0:21und am Ende schauen wir, wie man etwas
0:23völlig Neues erschafft.
0:24Genau. Und es geht darum, die Logik
0:27dahinter zu verstehen, dass Begriffe wie
0:29Extraktion oder Resektion am Ende ähm
0:32einfach verständlich werden und man
0:34weiß, was da eigentlich passiert.
0:35Fangen wir doch direkt beim Klassiker
0:37an, der Zahnextraktion. Für die meisten
0:40klingt das ja simpel. Spritze, Zange,
0:42raus, fertig. Ja, die Vorstellung ist
0:45weit verbreitet,
0:46aber als ich die Liste der möglichen
0:47Komplikationen in den Unterlagen gesehen
0:49habe, dachte ich mir, Moment mal, was
0:51kann denn alles passieren, während der
0:53Zahnarzt da im Werk ist?
0:55Da gibt es einiges. Man arbeitet ja auf
0:57engstem Raum, oft mit ziemlicher Kraft.
1:00Das Offensichtlichste sind Verletzungen
1:02der Weichteile,
1:03also Wange oder Zunge.
1:05Genau, man rutscht mal ab. oder was
1:08häufiger vorkommt, der Zahn bricht, die
1:10Krone splittert ab und ein Stück Wurzel
1:13bleibt stecken.
1:14Und das macht es dann komplizierter,
1:16deutlich. Dann muss man anfangen zu
1:18operieren, um den Rest rauszubekommen.
1:20In den Unterlagen stehen aber auch noch
1:22gravierendere Dinge. Kieferfraktur z.B.
1:24Richtig. Das ist zwar selten, aber ein
1:27bekanntes Risiko. Besonders bei den
1:29oberen Backenzähnen gibt es den
1:31sogenannten Tubira Abriss. Das ist ein
1:34Knochenteil hinter dem letzten Zahn, der
1:36abbrechen kann.
1:37Und der Unterkiefer kann wirklich
1:39brechen?
1:39In Extremfällen? Ja. Oder er ränkt sich
1:42aus, eine Luxation, wenn der Mund
1:44einfach zu lange, zu weit offen ist. Ein
1:46Punkt hat mich aber wirklich stutzig
1:48gemacht, die Eröffnung der Kieferhöhle,
1:52diese Mundantrumverbindung
1:55MAV, die Vorstellung, dass da nur eine
1:58dünne Wand ist, ist schon speziell.
2:02Ja, das ist faszinierende Anatomie. Bei
2:05vielen Menschen ragen die Wurzeln der
2:08oberen Backenzähne direkt in die
2:10Kieferhöhle hinein.
2:12Und dazwischen ist fast nichts.
2:14Manchmal nur eine papierdünne
2:16Knochenlamelle, manchmal auch nur
2:18Schleimhaut. Wenn man den Zahn zieht,
2:20ist eine Verbindung dann quasi
2:22vorprogrammiert.
2:24Das ist aber doch ein bekanntes Risiko,
2:26oder? Damit rechnet der Behandler.
2:28Absolut. Das hat man auf dem Schirm. Es
2:30ist auch nicht alltäglich, aber es kommt
2:32vor. Man testet das dann sofort.
2:34Wie denn?
2:35Mit dem sogenannten Nasenblasversuch.
2:38Sie halten sich die Nase zu und
2:39versuchen ganz sanft durch die Nase zu
2:41pusten
2:42und dann
2:42hört man was genau. Wenn es zischt oder
2:45Luftbläschen aus der Wunde kommen, ist
2:47die Verbindung da. Dann wird die Öffnung
2:50sofort mit einem kleinen
2:51Schleimhautlappen dicht vernäht.
2:53Und was muss man dann als Patient
2:55beachten?
2:56Das ist das A und O. Die wichtigste
2:58Regel: Auf gar keinen Fall die Nase
3:01schneuzen.
3:02Ah. wegen des Drucks.
3:03Exakt. Jeder Druck, auch niesen mit
3:06zugehaltenem Mund, würde die Naht sofort
3:08wieder aufreißen.
3:09Okay, der Zahn ist draußen, der Eingriff
3:12ist vorbei, aber die eigentliche Arbeit
3:14für den Patienten fängt ja oft erst an.
3:17Es gibt da dieses Phänomen in den
3:18Unterlagen, die trockene Alveole. Das
3:21klingt furchtbar.
3:22Das ist es auch. Das ist eine der
3:24schmerzhaftesten Komplikationen
3:25überhaupt.
3:26Was passiert da genau?
3:28Stellen Sie sich das Blutgerinsel vor,
3:30das sich in dem leeren Zahnfach bildet.
3:32Dieses Koagulum.
3:33Mhm.
3:34Das ist quasi ein biologischer
3:36Wundverband, ein Pfropf, der den extrem
3:39empfindlichen Knochen darunter schützt.
3:41Und bei der trockenen Alveole ist er
3:43weg.
3:44Genau. Er löst sich auf oder wird
3:46rausgespült und dann liegt der
3:48Kieferknochen blank.
3:49Autsch.
3:50Und ein freiliegender Knochen schreit
3:52förmlich vor Schmerz. Die Ursachen sind
3:54oft rauchen, direkt nach dem Eingriff
3:57oder zu starkes Spülen.
3:58Und die Symptome,
3:59die sind sehr typisch. Dre vier Tage
4:02nach dem Ziehen fangen plötzlich
4:04unerträgliche Schmerzen an und oft
4:06riecht es auch sehr unangenehm.
4:08Und die Therapie, die in den Unterlagen
4:09steht, die klingt ja erstmal paradox.
4:12Man soll die Wunde noch mal aufkratzen,
4:13um eine neue Blutung zu erzeugen.
4:15Das ist eine exzellente Frage, weil es
4:17sich total widersprüchlich anfühlt.
4:19Ja, warum macht man das?
4:21Die Logik ist aber zwingend. Ohne dieses
4:23Blutgrinsel gibt es keine Heilung. Der
4:25Körper braucht einen zweiten Versuch.
4:27Also wird unter Betäubung der Knochen
4:29ganz vorsichtig angekratzt, bis es
4:31wieder blutet,
4:32um ein neues Koagulum zu bilden.
4:34Exakt. Und dann legt man oft noch einen
4:36medikamentösen Streifen ein, der den
4:38Schmerz lindert.
4:39Das heißt, die Verhaltensregeln für Sie
4:41als Patient sind eigentlich ganz einfach
4:43abzuleiten.
4:44Absolut.
4:45Am ersten Tag nicht spülen, kein Kaffee,
4:48nicht rauchen, keine Anstrengung und
4:50kühlen.
4:51Genau. Mit feuchtkalten Umschlägen. Der
4:54Patient hat es da wirklich zu einem
4:55großen Teil selbst in der Hand. Okay,
4:57verlassen wir mal das Feld der
4:59Extraktion. Was ist, wenn man einen Zahn
5:01unbedingt erhalten will? Dann kommen wir
5:03zur Wurzelspitzenresektion
5:05der WSR.
5:06Richtig, das ist sozusagen der letzte
5:08Versuch, der Plan B, wenn eine normale
5:11Wurzelbehandlung nicht funktioniert hat,
5:12die Entzündung an der Wurzelspitze also
5:14nicht weggeht. Genau. Das Ziel ist es
5:17chirurgisch von außen an diese
5:19Problemzone heranzukommen, die
5:21Wurzelspitze zu kappen und das
5:23Entzündungsgewebe zu entfernen.
5:25Das klingt nach einem mikrochirurgischen
5:27Eingriff. Wie läuft das ab?
5:29Das ist es auch. Man klappt das
5:30Zahnfleisch weg, um den Knochen
5:32freizulegen. Dann bohrt man ein kleines
5:35Fenster in den Knochen direkt über der
5:37Wurzelspitze
5:38und dann wird die Spitze gekappt
5:40um etwa 3 mm. Ja, das nennt man
5:42Ressektion. Dann wird das entzündete
5:45Gewebe drumherum ausgekratzt. Und ganz
5:47wichtig ist oft der retrograde
5:49Verschluss.
5:50Was ist das?
5:50Man dichtet den Wurzelkanal von der
5:52frisch geschnittenen Spitze her mit
5:54einem speziellen Zement ab, damit keine
5:56Bakterien mehr rausknen.
5:58Die große Schwierigkeit ist hier aber
5:59die Lage, oder? Man arbeitet ja in der
6:01Nähe von Nerven und anderen Strukturen.
6:04Exakt. Das ist das Hauptrisiko. Im
6:06Oberkiefer ist es wieder die
6:08Kieferhöhle.
6:09Die kennen wir ja schon. Genau. Und im
6:12Unterkiefer ist es der große
6:14Unterkiefernerv, der nervus alveolaris
6:16Inferior,
6:17der für das Gefühl in Lippe und Kinn
6:19zuständig ist.
6:20Richtig, der verläuft auf den
6:22unmittelbarer Nähe zu den Wurzelspitzen.
6:25Ihn zu reizen oder zu verletzen ist das
6:27größte Risiko.
6:29Mit welcher Folge?
6:30Das kann zu einem Taubheitsgefühl in der
6:32Unterlipe und am Kinn führen. Meistens
6:35vorübergehend, in ganz seltenen Fällen,
6:37aber auch dauerhaft.
6:39Okay, vom gezielten Eingriff kommen wir
6:41jetzt zu etwas, das eher im Verborgenen
6:43wächst. Züsten. Im Rönkenbild steht da
6:46oft nur scharf begrenzte Aufhellung.
6:49Man kann sich eine Züste wie einen
6:50kleinen luftdichten Ballon vorstellen,
6:53der sich ganz langsam im Knochen
6:54aufblädht.
6:55Ein Ballon?
6:56Ja, ein Hohlraum gefühlt mit
6:58Flüssigkeit. Und die Hülle dieses
7:00Ballons, der Züstenbalk, produziert
7:03immer mehr Flüssigkeit. Dadurch steigt
7:05der Druck und die Züste verdrängt
7:07langsam den Knochen.
7:08Und wie wird man diesen Ballon wieder
7:09los?
7:10Es gibt zwei grundsätzliche Wege. Der
7:12Radikale ist die Zystektomie.
7:15Man schält den ganzen Ballon, den
7:17Züstenbalk komplett raus und näht zu.
7:20Der Körper fühlt das Loch dann wieder
7:21mit Knochen auf.
7:22Und der schundere Weg,
7:24die Zystomie. Da schneidet man ein
7:26großes Fenster in die Züste und macht
7:28sie zu einer Art Nebenbucht der
7:30Mundhöhle.
7:31Ah, man lässt den Druck ab. Genau. Der
7:33Druck ist sofort weg, das Wachstum
7:35stoppt und der Knochen kann langsam von
7:37unten wieder nachwachsen.
7:38Von diesem schön gekapselten Problem
7:40kommen wir jetzt zum Gegenteil der
7:42ungebremsten Ausbreitung. Odontogene
7:45Infektionen, also Abzesse.
7:47Absolut. Da ist nichts mehr gekapselt.
7:49Der Eiter sucht sich unaufhaltsam seinen
7:51Weg.
7:52Wie läuft das ab?
7:53Es startet an der Wurzelspitze, frisst
7:55sich durch den Knochen und sammelt sich
7:57dann unter der extrem
7:58schmerzempfindlichen Knochenhaut. Das
8:01ist die Phase mit den pochenden
8:02Schmerzen.
8:03Ganz schlimm. Ja. Und wenn der Druck zu
8:05groß wird, bricht der Eiter durch und
8:07liegt dann unter der Schleimhaut. Das
8:09ist dann die klassische dicke Backe.
8:11Und die muss man aufschneiden, also
8:13inzidieren. Das klingt furchtbar, aber
8:16die Erleichterung muss ja riesig sein.
8:18Die ist unmittelbar. In dem Moment, wo
8:20der Alter abfließen kann, ist der
8:22Druckschmerz weg.
8:24Das ist aber der Punkt, an dem es noch
8:25lokal ist. Gefährlich wird es, wenn es
8:28sich ausbreitet, oder? Ja, wenn die
8:30Infektion in die Weichteilräume des
8:32Halses die sogenannten Logen wandert.
8:34Was sind da die roten Flaggen? Wann wird
8:35es richtig gefährlich?
8:37Da müssen alle Alarmglocken angehen.
8:40Erstens, Funktionsstörungen,
8:43eine Kieferklemme, wenn man den Mund
8:44nicht mehr aufbekommt.
8:46Okay.
8:47Schluckbeschwerden und im schlimmsten
8:49Fall Atemnot.
8:51Zweitens, der Allgemeinzustand,
8:53hohes Fieber, Schüttelfrast, wenn man
8:56sich richtig krank fühlt.
8:57Und hier wird in den Unterlagen ja klar
8:59zwischen Abszess und Flickmone
9:01unterschieden.
9:02Das ist die entscheidende
9:03Unterscheidung. Ein Abszess ist Eiter in
9:06einer Kapsen. Eine Flegmone ist eine
9:08diffuse, sich bretthart und rasend
9:11schnell ausbreitende Infektion ohne jede
9:13Kapse.
9:14Die breitet sich einfach im Gewebe aus.
9:17Flächig. Ja, das ist die absolute rote
9:20Linie, da gibt es keine Diskussion. Das
9:22ist ein intensiv medizinischer Notfall.
9:25Ab ins Krankenhaus.
9:26Damit sind wir am Ende unserer Reise
9:28angekommen bei der Rekonstruktion, das
9:31Implantat. Viele denken da ja an eine
9:33einfache Schraube.
9:35Das wird der Sache überhaupt nicht
9:36gerecht. Ein modernes Implantat besteht
9:39aus drei Teilen. Dem Implantatkörper
9:41selbst, der Titanwurzel, die im Knochen
9:44festwächst.
9:45Osteointegration nennt man das. Genau.
9:48Dann kommt der Aufbau des Abutment, das
9:50aus dem Zahnfleisch ragt und darauf dann
9:52die eigentliche Krone, also die
9:54Suprakonstruktion.
9:56Bei der Einheilung gibt es ja zwei
9:58völlig verschiedene Wege, so wie es in
9:59den Unterlagen steht.
10:00Richtig, gedeckt und offen. Bei der
10:03gedeckten Methode wird das Implatat
10:05eingesetzt und das Zahnfleisch komplett
10:07drüber zugenäht. Es halt dann monatelang
10:09geschützt im Knochen.
10:11Man braucht aber einen zweiten Eingriff,
10:12um es freizulegen.
10:14Korrekt. Vorteil ist der maximale
10:16Schutz. Nachteil sind zwei OPs
10:18und die Alternative,
10:19die offene einseitige Einheilung, da
10:22schaut von Anfang an ein kleiner
10:23Metallpfosten, ein Gingivarformer aus
10:25dem Zahnfleisch raus.
10:27Man spart sich also den zweiten
10:28Eingriff.
10:29Ja, aber man hat ein potenziell höheres
10:31Infektionsrisiko und lebt eben
10:33monatelang mit diesem Metallteil im
10:35Mund.
10:36Und auch wenn alles gut geht, gibt es
10:37Spätkomplikationen. Die Periimplantitis,
10:41das klingt sehr nach Parodontitis. Das
10:43ist die exakte Parallele. Es ist die
10:45Parodontitis des Implantats. Eine
10:47Entzündung, die den Knochen um das
10:49Implantat herum abbaut. Mit den gleichen
10:51Ursachen,
10:52sehr ähnlichen, bakterielle Belege, also
10:55mangelnde Hygiene, aber auch Überlastung
10:57oder genetische Faktoren. Im schlimmsten
11:00Fall verliert man das Implantat wieder.
11:02Das bedeutet also, ein Implantat ist
11:04kein wartungsfreies Bauteil. Auf gar
11:06keinen Fall, das ist ein großer
11:08Irglaube. Es braucht mindestens so viel,
11:10wenn nicht sogar mehr und
11:12professionellere Pflege als ein eigener
11:14Zahn.
11:14Wir haben heute also eine Reise durch
11:17die zahnärztliche Chirurgie gemacht, von
11:19der Extraktion über den Rettungsversuch
11:22bis zur Rekonstruktion.
11:24Es ist ein Feld von äh sehr präzisen
11:28kalkulierten Eingriffen.
11:29Absolut. Und das bringt uns vielleicht
11:32zu einem letzten Gedanken. Die
11:34Unterlagen beschreiben ja sehr genau die
11:36Risiken des Handelns, also die
11:38Komplikationen bei einem Eingriff.
11:40Mhm.
11:41Aber viel seltener spricht man über die
11:42Risiken des Nichthandelns, die
11:45Infektion, die zur Flegmone wird, der
11:47Knochen, der nach einem Zahnverlust
11:49immer weiter schwindet.
11:50Das ist ein interessanter Punkt.
11:52Das wirft eine spannende Frage zur
11:54Risikowahrnehmung auf. Finden Sie nicht?
11:56Wie wägen wir ein konkretes, aber meist
11:58geringes Operationsrisiko gegen die
12:01schleichenden, aber potenziell viel
12:03größeren Gefahren des Abwartens ab?
12:05Eine Frage, die weit über die
12:06Zahnmedizin hinausgeht.