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Von Sarajevo zum Ersten Weltkrieg 1914

fritz51265 · 4,640 words · 22 min read

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0:02Zwei Kugeln verändern die Welt für

0:04immer.

0:0934 Tage nach den Schüssen in Sarajevo

0:12bricht ein Krieg aus.

0:16Es ist ein Krieg, der in seinen Ausmaßen

0:18und seiner Brutalität alle früheren

0:20übertrifft.

0:23Am Ende stehen sich dreiviertel der

0:25Weltbevölkerung feindlich gegenüber. Es

0:28ist der erste industriell geführte

0:31Massenkrieg.

0:33Nahzu 10 Millionen Soldaten fallen. Fast

0:367 Millionen Zivilisten kommen ums Leben.

0:45Mehr als 30 Millionen Soldaten werden

0:48verletzt,

0:50verwundet,

0:51verkrüppelt,

0:53verheizt.

0:58Wer den Grabenkrieg überlebt, ist

1:00traumatisiert.

1:03Dieser Krieg verändert alles. Erstürzt

1:05Europa in einen Jahrzehnte währenden

1:08Weltenbrand.

1:11Ich denke, man kann sich kaum einen

1:13schlechteren Staat vorstellen für die

1:15für das 20. 400 als dieser Krieg, denn

1:17der Stalinismus, der Nationalsozialismus

1:21in Deutschland, der Holocaust, das das

1:23alles ist kaum erklärbar, ohne die

1:26Giftdosis, die ungeheure Giftdosis, die

1:28von diesem Krieg in die Welt gegeben

1:31wurde.

1:33Das Attentat von Sarajevo. Wie kommt es,

1:37dass der Anschlag diese Katastrophe

1:39auslöst?

1:43Keiner der politischen Verantwortlichen

1:45wollte im Sommer 1914 einen Weltkrieg.

1:48Doch die Schüsse von Sarajevo entfesseln

1:51ein tragisches Pokerspiel zwischen den

1:53Mächtigen. Wer trägt die Schuld?

1:56Natürlich wussten die Staatsmänner, was

1:58sie tun. Sie haben mit dem Feuer

2:01gespielt und sie haben sich dann

2:02verzockt, weil im Prinzip wollte keiner

2:04den großen Krieg. Er ist dann aber

2:06ausgebrochen. Also irgendwas muss dann

2:08ja im Juli 1914 schief gelaufen sein.

2:23[Musik]

2:25Europa im Juni 1914.

2:28Die Menschen sehen mit Zuversicht in die

2:30Zukunft. Seit Jahrzehnten herrscht

2:32Frieden und die technische Entwicklung

2:35steigert den Wohlstand der Menschen in

2:38London, in Paris

2:41und in Berlin.

2:45[Musik]

2:49In diesem Sommer besucht der

2:51österreichische Thronfolge Sarajevo.

2:54Sieben Attentäter warten auf ihn.

2:56Bosnische Serben. Ihn wollen sie töten.

3:00Franz Ferdinand. Er soll einmal Kaiser

3:02von Österreich-Ungarn werden und dem

3:05Greisenkaiser Franz Josef nachfolgen. Er

3:08ist die Hoffnung der Monarchie.

3:14Im Juni 1914 ist Franz Ferdinand auf

3:17einem Manöver in Bosnien.

3:20Am letzten Tag will er Sarajevo

3:22besuchen.

3:24Die Attentäter haben leichtes Spiel. Der

3:26Konvoi ist kaum bewacht.

3:33Die Bombe verfehlt jedoch das Ziel und

3:35trifft stattdessen ein Begleitauto und

3:37verletzt mehrere Offiziere.

3:44Originalaufnahmen. Nur wenige Minuten

3:47nach dem Bombenwurf. Franz Ferdinand

3:49erreicht das Rathaus in Sarajevo. Er

3:52wähnt sich in Sicherheit.

3:55ist für die bosnischen Serben,

3:56diejenigen, die in Bosien leben, das

3:59Symbol der österreichischen

4:00Fremdherrschaft. Da stoßen zwei

4:03Staatskonzepte aufeinander. Das viel

4:05Völkerreich, Österreich-Ungarn mit elf

4:07Nationalitäten und ein mittelgroßes

4:10Serbien, das gerne ein Groß Serbien

4:12werden möchte.

4:14Österreich-Ungarn ist ein komplizierter,

4:16zerbrechlicher Vielfölkerstaat.

4:18Er besteht aus Deutschen, Ungarn,

4:21Rumänen, Polen, Tschechen, Ukrainern,

4:24Slowenen, Bosnien und Serben.

4:28Erst 1908 hatte Österreich-Ungarn

4:31Bosnien annektiert.

4:33Die dort lebenden Serben wollen lieber

4:35zum Königreich Serbien gehören.

4:40Kaiser Franz Josef hat Angst vor

4:42Serbien. Seit 20 Jahren kämpft Belgrad

4:45um ein Groß Serbien und fordert

4:47österreichische Gebiete. Wenn er

4:49nachgibt, meint der Kaiser, wollen auch

4:51die anderen Völker der Donaum Monarchie

4:53ihre Unabhängigkeit.

4:56Das wäre das Ende für das Reich von

4:58Franz Josef.

5:01Österreich-Ungarn war groß. Auf der

5:03Landkarte sieht es riesig aus, nicht?

5:05Und äh es streckt sich über ganz

5:06Mitteleuropa,

5:08aber es war auch fragil. Man hat in der

5:11Vorkriegszeit gelegentlich von von vom

5:12Habsburger Reich als Krankenmann an der

5:14Donau gesprochen und damit meinte man,

5:17das Ding ist Marode dem Tode geweiht.

5:21Aber Österreich-Ungarn hat einen starken

5:23Verbündeten,

5:25das deutsche Reich.

5:28Eine junge Nation, erst 1871 vereint,

5:32aufstrebend, selbstbewusst, die stärkste

5:35Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent.

5:38Doch das genügt dem deutschen Kaiser

5:39Willem dem II. Er will, dass Deutschland

5:42mehr ist als nur eine Großmacht. Es soll

5:45Weltmacht werden wie Großbritannien.

5:49Im Deutschen Reich sagte Wilhelm einmal,

5:51soll die Sonne nicht untergehen und alle

5:54Deutschen, ich glaube fast alle

5:56Deutschen haben Dur geschrieben.

5:59Da gab's ja nur gleich kleine Probleme.

6:01Um wirklich die Welt zu beherrschen,

6:03musste eine große Marine haben.

6:05Aber die Marine hat die haben die

6:07Engländer.

6:09Und deshalb kann man auf die von heute

6:11her gesehen äußerst unglückliche Idee,

6:14eine Schlachtflotte zu bauen.

6:17Deutsche Schlachtschiffe,

6:20britische Schlachtschiffe.

6:22Noch sind es nur Manöver. Beide Seiten

6:25wollen Stärke demonstrieren.

6:27Die deutsche Politik stellt die

6:30europäische Machtbalance in Frage und

6:32treibt das Reich in die Isolation.

6:35Deutschland hat nur noch wenige

6:37Verbündete in Europa. Das große aber

6:39durch die Nationalitätenkonflikte

6:42instabile Österreich-Ungarn und Italien.

6:45das aber als unsicherer Bündnispartner

6:47gilt. Somit bleibt nur die Donau

6:50Monarchie als sicherer Freund

6:52Deutschlands, das ansonsten von drei

6:54Seiten eingekreist ist.

6:57[Musik]

7:00Aufgrund der prekären Lage rüstet das

7:02Deutsche Reich auf.

7:05Die anderen ziehen nach. Großbritannien,

7:08Frankreich, Russland.

7:11Ein Wettrüsten beginnt.

7:13Überall werden nun große Anstrengungen

7:16unternommen, um eine Drohkulisse zu

7:18schaffen.

7:20[Musik]

7:23Und so kommt etwas auf, was ich die

7:26Vorkriegspsychose nennen würde, von der

7:281913 geprägt ist. Der Krieg, der liegt

7:31in der Luft. Die anderen wollen uns was.

7:33Sie wollen uns angreifen.

7:36Der deutsche Generalstabchef Molke hat

7:38den Kaiser schon 1912 vor allem vor der

7:40russischen Aufrüstung gewarnt. Ein Krieg

7:43wäre in z d Jahren gegen den Kolos aus

7:46dem Osten nicht mehr zu gewinnen. Wenn

7:48Krieg dann besser jetzt als später.

7:52Vor der Kamera gespielte Eintracht

7:54zwischen dem deutschen Kaiser und dem

7:56russischen Zaren. Beide sind miteinander

7:59verwandt, Cousins, doch beide misstrauen

8:02sich zutiefst.

8:05Man möchte vielleicht meinen, dass die

8:06Staatsmänner und vor allem die Militärs

8:08arrogant sind, weil sie sehr viel

8:10Selbstvertrauen haben. Aber eigentlich

8:12ist das im im Fall 1914 nicht so,

8:15sondern die Angst ist die vorherrschende

8:18Emotion, Angst und Pessimismus.

8:20Diese Großmüchte, die

8:21Entscheidungszentren, die

8:23Entscheidungsträger schauen mit Angst

8:26und Grauen in die Zukunft.

8:2928. Juni 1914,

8:33[Musik]

8:35noch 34 Tage bis zum Krieg.

8:39Sarajevo.

8:41Gegen den Rad seiner Begleiter

8:43entscheidet sich der Thronfolger des

8:45Rathaus wieder zu verlassen.

8:49Er will einen Verletzten des Bombenwurfs

8:51im Krankenhaus besuchen.

8:54Dafür wird die Route geändert.

8:57Der Weg zum Krankenhaus führt ihn jetzt

8:59am Fluss entlang. An der ursprünglichen

9:02Strecke für den Besuch warten noch immer

9:04die Schaulostigen.

9:05Auch der Attentäter.

9:09Doch an der Kreuzung biegen die Fahrer

9:11falsch ab. Man hatte ihnen vergessen zu

9:13sagen, dass sie zum Krankenhaus fahren

9:15sollen.

9:17Der 19-jährige Gymnasiast Gavrillo

9:20Princip ist bosnischer Serbe, der ein

9:22groß Serbien will.

9:26Als die Fahrer ihren Fehler bemerken,

9:28stoppt der Konvoi direkt vor Prinep.

9:52[Musik]

9:54Es ist wohl doch tatsächlich eine

9:56Verkettung von, das im Deutschen so

9:59schön heißt, dummen, nicht glücklichen,

10:01dummen Zufällen, die dazu führt,

10:05dass etwas eintritt, was eigentlich nach

10:07menschlichem Ermessen

10:10ganz unwahrscheinlich gewesen ist,

10:12nämlich das ein so unerfahrener

10:14Pistolenschütze wie Gavrilo Prinzip just

10:18an der Stelle steht, wo das Fahrzeug des

10:20Thronfolgers hält und er in der Lage ist

10:23zweimal zu schießen und zweimal tödlich

10:25zu treffen.

10:28An dieser Straßenkreuzung bog der Konvoi

10:31damals ab und kam zufällig zum Stehen.

10:36Ausgerechnet hier stand Gavrillo Prinsip

10:40und schoss.

10:50In wen wird bis heute das Automobil

10:53verwahrt, indem das Thronfolgerpaar saß?

11:03Der erste Schuss trifft die Frau des

11:05Thronfolgers in den Bauch. Sie

11:08verblutet.

11:13Die Uniformjacke von Franz Ferdinand.

11:16Die Kugel zerreißt ihm die Halswene und

11:19den Kehlkopf. Er erstickt an seinem

11:21eigenen Blut.

11:24[Musik]

11:27Die Nachricht von der Ermordung erreicht

11:30die Hauptstädte.

11:32[Musik]

11:37Der deutsche Kaiser ist an diesem Tag

11:39nicht in Berlin,

11:41sondern segelt in der Kieler Pferde

11:44bereitet sich auf eine Regatta vor.

11:48Plötzlich nähert sich eine Bakasse. Ein

11:50Admiral ruft dem Kaiser die Nachricht

11:52von den Morden zu.

12:00Als er von diesem Attentat hört, weiß

12:03Wilhelm II. Wirklich nichts damit

12:04anzufangen. Er stellt sogar die Frage an

12:07Admiral Müller, soll ich soll ich den

12:10die Direkate abbrechen? Soll ich nach

12:12Berlin zurückkehren? Ihm ist es noch

12:14nicht klar, was für eine Tragweite diese

12:16dieses Ereignis hat.

12:20Auch in Paris ist das Attentat nicht

12:22Thema des Tages. Die Zeitungen

12:25beschäftigen sich viel mehr mit dem

12:26Sexskandal des ehemaligen französischen

12:29Regierungschefs.

12:32In London finden die Nachrichten von

12:34Balkan ebenso kaum öffentliche

12:36Aufmerksamkeit

12:41und San Nikolaus genießt den Sommer auf

12:43einer Reise in Finnland.

12:52Nur in Wien löst die Nachricht entsetzen

12:55aus.

12:57Kaiser Franz Josef will die Schuldigen

12:59bestrafen. Er glaubt schon früh, dass

13:02Serbien hinter dem Attentat steckt.

13:05In Wien ist der Schock ungeheuer. Also,

13:09und man sieht innerhalb von anderthalb

13:11Tagen spricht alle von Krieg. Das ist

13:14unglaublich schnell.

13:17Es war ein politischer Schock, eine

13:19politische Emotion. Man wusste, mit

13:21dieser Kugel ist die Papsburger

13:25Staatsidee ins in den im Kerne getroffen

13:27worden.

13:29Was für die Habsburger Monarchie auf dem

13:31Spiel steht, wissen auch diejenigen, die

13:33mit der Untersuchung des Attentats

13:35beauftragt sind. Am liebsten hätte Wien

13:39rasch die Klarheit, dass Serbien hinter

13:41den Morden steckt, um losschlagen zu

13:44können. Doch das ist noch lange nicht

13:47erwiesen.

13:48Schnellkursieren Verschwörungstheorien

13:51hat Wien selber den Anschlag geplant,

13:53vielleicht mit Hilfe von Berlin, um

13:55endlich einen Grund zu haben, gegen die

13:58missliebigen Serben Krieg führen zu

14:00können. Die Verschwörungstheorien lösen

14:03ein Problem, nämlich unsere

14:04Unzufriedenheit mit der Verkettung von

14:06Zufallen und Schlampigkeiten.

14:08Aber sie sind nicht haltbar, weil

14:10zentrale Voraussetzungen, die sie

14:12annehmen, nämlich, dass das alles von

14:15Wien oder von Berlin aus gesteuert

14:17worden sei, nicht zutreffen. Franz

14:19Ferdinand selber hat die Entscheidung

14:21getroffen, dass kein Militär in Sarajevo

14:23sei, weil er Rücksicht auf die Serben

14:24nehmen wollte im Hinblick auf ihren

14:26Nationalfeiertag.

14:28Und das genau wird eben zum Verhängnis,

14:30weil auf diese Weise überhaupt die

14:32Attentäter in die Rolle kommen, die sie

14:34dann tatsächlich gespielt haben.

14:37Der österreichische Untersuchungsrichter

14:39Leop Pfeffer soll die Hintergründe des

14:41Anschlags ermitteln. Steckt wirklich der

14:44serbische Staat hinter dem Attentat?

14:47Wer hat euch geholfen?

14:50Wer hat euch die Waffen gegeben?

14:52Reden Sie.

14:54Wer war noch beteiligt?

14:56Wer hat euch beauftragt?

15:00Was hat Leopfeffer eigentlich

15:01herausgefunden? Dass die dass die

15:04Pistolen aus Serbien stammten, dass sie

15:06serbischer Manufaktur waren, dass die

15:08Bomben aus Serbien stammten, dass die

15:11jungen Männer über die Grenze gekommen

15:13waren, womöglich mit Hilfe der

15:15Grenzorgane der serbischen Grenzorgane.

15:19Die genauen Hintergründe des Attentats

15:21sind Anfang Juli nicht bekannt. Trotzdem

15:23will Wien handeln.

15:25Ab den 3.4. Juli ist so viel klar, was

15:30die österreichische Regierung auch gerne

15:33hören möchte für ihren Kurs, dass man

15:36glaubt schon genug Material zu haben, um

15:39nun endgültig und endlich gegen Serbien

15:43losschlagen zu können.

15:475. Juli 1914,

15:52noch 27 Tage bis zum Krieg.

15:56Österreich will Serbien den Krieg

15:58erklären. Lässt sich der Konflikt

16:00begrenzen?

16:02Serbien hat einen großen und starken

16:04Verbündeten, die Russen.

16:07Das Zarenreich sieht sich als Behüter

16:09der slawischen Völker.

16:12Der Zar droht. Wenn Österreichserbien

16:15angreift, steht Russland an dessen

16:17Seite.

16:22In Wien schreckt die Botschaft auf.

16:27Kaiser Franz Josef sucht nun seinerseits

16:29Beistand.

16:34[Musik]

16:36Er wendet sich an seinen deutschen

16:37Verbündeten.

16:40[Musik]

16:45Wilhelm II. ist inzwischen nach Berlin

16:47zurückgekehrt, trifft sich mit seinem

16:49Reichskanzler Betmann Holweg.

16:53Seine Meinung notiert der Kaiser in

16:55diesen Tagen an den Rand eines

16:57Dokuments.

16:59Jetzt oder nie.

17:02Mit den Serben muss aufgeräumt werden

17:04und zwar bald.

17:115. Juli 1914. Der Kaiser trifft sich mit

17:14seinen engsten Beratern. Wilhelm gibt

17:17Wien Rückendeckung für einen Krieg gegen

17:19Serbien. Mit seiner Erklärung will er

17:21die Russen zum Stillhalten zwingen,

17:23damit Österreich Serbien ungehindert

17:25angreifen kann. Das Bekenntnis zum

17:28Bündnispartner

17:30birgt Risiken.

17:31Die tiefere deutsche Motivation für

17:34dieses Verhalten

17:36ist

17:38eine große Furcht und die münd

17:42eingekreist, die anderen haben was vor

17:45gegen uns und Österreich-Ungarn ist

17:47unser letzter solider Verbündeter. Jeder

17:50weiß, dass man auf Italien im Kriegfall

17:52nicht rechnen kann, wenn Österreichung

17:55Ungarn nicht mehr ist. die Großmacht ist

17:57Deutschland alleine und schutzlos.

17:59Es kommt zu einem fatalen Schritt. Im

18:02Staatsarchiv in Wien lagert das

18:04Schlüsseldokument zum Ausbruch des

18:06ersten Weltkriegs.

18:09Am 6. Juli 1914 stellt das Deutsche

18:12Reich Österreich-Ungarn den sogenannten

18:15Blanchck aus. Das deutsche Reich sagt

18:18Wien bedingungslose Unterstützung zu.

18:21[Musik]

18:25Die Deutschen geben fatalerweise

18:28den diplomatischen Einfluss auf die

18:31kommende Krise völlig aus der Hand. Also

18:33ist ein Abgesang auf die Diplomatie. Die

18:36Deutschen hätten ja alles mögliche sagen

18:38können, aber einen Blancock zu geben, zu

18:41sagen, egal was ihr macht, wir stehen

18:43hinter euch. Damit lassen sie die

18:45Österreicher von alleine, sind an sie

18:47gebunden und ähm haben gar keine

18:50Kontrollmöglichkeit mehr. Wir sind jetzt

18:51von den Österreichern abhängig.

18:55Der deutsche Reichskanzler Betmann

18:57Holwig unterstützt den riskanten Kurs

18:59des Kaisers. Er hat Angst vor der

19:01russischen Rüstung und unterstellt dem

19:03Zaren generelle Kriegsabsichten.

19:07Er war der Meinung, wenn Russland

19:09wirklich einen Krieg mit Deutschland

19:11will, dann sollte man diesen Krieg jetzt

19:14akzeptieren und nicht einige Jahre

19:16warten, wo ein Krieg gar nicht mehr zu

19:18gewinnen ist. Also er wollte die Russen

19:19testen auf ihre Kriegsbereitschaft, auf

19:22ihren Kriegswillen.

19:24Der Kaiser ist überzeugt, dass die

19:25Russen nicht eingreifen werden. Er

19:27glaubt fest, dass die Zarnarmee noch

19:30nicht kriegsbereit ist. Er fährt in den

19:32Urlaub vor die Küste Norwegens.

19:39Überall in Europa genießen die Menschen

19:41die warmen Sommertage.

19:48[Musik]

19:51In Sarajevo bereiten die Österreicher

19:53den Krieg gegen Serbien vor. Sie haben

19:56jetzt die Zusage, dass die Deutschen

19:58ihnen beistehen bei allen Schritten.

20:01Jetzt braucht Wien aber noch einen

20:03offiziellen Kriegsgrund.

20:05Der Untersuchungsrichter Leopfeer soll

20:08klären, ob die serbische Regierung

20:10hinter dem Attentat steckt. Noch lässt

20:12sich aber kein Beweis finden.

20:15Untersuchen Sie das gewissenhaft. Die

20:18Anklage gegen Serbien muss Bestand haben

20:20vor der ganzen Welt.

20:22Wie lange werden Sie brauchen?

20:25Einen Monat. Sie haben 24 Stunden.

20:29Meine Herren,

20:32die Österreicher bleiben überzeugt, dass

20:35das offizielle Serbien, wer auch immer,

20:39zutiefst in diese Attentate verwickelt

20:41ist und das deshalb die von Österreich

20:44geplante Strafaktion gegen Serbien

20:47gerechtfertigt ist.

20:50Um einen Kriegsgrund zu finden, wollen

20:52die Österreicher Serbien ein Ultimatum

20:55stellen, das mit der Souveränität eines

20:57Staates nicht zu vereinbaren ist.

21:02Es wird also Krieg geben

21:06unbedingt.

21:08Das Ultimatum, das wir an derben

21:09stellen, wird so formuliert sein, dass

21:11Belgrad unmöglich zustimmen kann

21:14und dann geht's endlich los.

21:17[Musik]

21:23Sie nutzen natürlich das, was ich aus

21:25ihrer Sicht als die Gunst der Stunde

21:27darstellt,

21:29um mit den Serben abzurechnen.

21:33Das heißt vielleicht sie nicht von der

21:35Landkarte verschwinden zu lassen, aber

21:38in eine diplomatischer oder aber auch

21:40militärischer Niederlage beizubringen,

21:43dass sie auf die nächsten Jahrzehnte

21:44nicht mehr die Rolle spielen können, die

21:46sie in den zurückliegenden zwei

21:47Jahrzehnten gespielt haben.

21:5120. Juli 1914,

21:54[Musik]

21:56noch 12 Tage bis zum Krieg.

22:00Wie reagiert St Petersburg?

22:04Der Zar ist wankelmütig. Der deutsche

22:07Beistand für Österreich beeindruckt ihn

22:09und er erwegt in der Serbenfrage

22:11nachzugeben.

22:13Da bekommt er am 20. Juli Besuch von den

22:16französischen Verbündeten.

22:21Der französische Staatspräsident Raymond

22:24Pon Caré

22:26und sein Ministerpräsident René Vivian.

22:30Der ist überzeugter Pazifist. Er will

22:32auf Verhandlungen setzen und alle

22:34Parteien zur Mäßigung anhalten. Doch Por

22:38sieht die Sache anders. Er beschwört den

22:40Zaren, sich nicht erpressen zu lassen.

22:44Als Kind hat er den

22:45deutsch-französischen Krieg von 1870

22:47erlebt und den Verlust seiner Heimat

22:50lringen.

22:51Man möchte meinen, dass Poen Car nach

22:53Russland gekommen wäre und gesagt hätte,

22:55also immer mit der Ruhe jetzt, wir

22:57versuchen mal zu versöhnen. Nein, er hat

22:59ganz im Gegenteil den Russen gesagt, ihr

23:02müsst hart bleiben. Also das ist was ein

23:04Evangelium der Härte, nicht? Man gibt

23:07gar nicht nach. Die Deutschen verstehen

23:09ja nur diese Sprache. Wenn man nachgibt,

23:11dann werden die Deutschen das ähm für

23:13Schwäche halten.

23:15Der Zah lässt sich umstimmen. Am zweiten

23:18Tag des Staatsbesuchs wird nur noch über

23:20Krieg geredet. Für den Fall, dass Wien

23:23Serbien mit Rückendeckung Berlins

23:25angreift.

23:29Der Pazifist Vivian erleidet einen

23:31Nervenzusammenbruch. Offiziell heißt es

23:34erleide unter einer Leberkolleg.

23:38Es ist ein tragisches Pokerspiel. Wenn

23:41man gemeinsame Stärke zeige, werde die

23:43andere Seite schon nachgeben.

23:46Niemand in Paris oder in St. Petersburg

23:49fragt sich führen unsere Aktionen

23:51vielleicht genau zum Gegenteil, nämlich,

23:53dass sich die Deutschen in die Ecke

23:54gedrängt fühlen und dann vielleicht

23:57angreifen. Das wollen wir aber gar

23:58nicht. Also sind unsere Aktionen

24:00kontraproduktiv. Also das ist ganz

24:02interessant festzustellen, dass es

24:03niemand schafft in den Hauptstädten

24:05Europas sich mal einmal für einen

24:08Moment, für eine Minute in die Rolle des

24:10anderen seines Gegenübers

24:12hineinzuversetzen.

24:15Am 23. Juli reisen die Franzosen aus St.

24:18Petersburg ab.

24:23Die Fronten sind verhärtet. Russland und

24:25Frankreich haben signalisiert, dass sie

24:28nicht nachgeben und dass es bei einem

24:30Angriff von Österreich auf Serbien einen

24:32großen Krieg gibt. Nimmt Österreich

24:35seine Drohung jetzt zurück?

24:39In Wien fällt an diesem Tag eine

24:40verhängnisvolle Entscheidung. Belgrad

24:43wird ein hartes Ultimatum gestellt, dem

24:45es in den nächsten 48 Stunden zustimmen

24:48muss. Die Serben zeigen sich dem Kaiser

24:51gegenüber nachgiebig, wenn auch nicht in

24:54allen Punkten. Sie fürchten um ihre

24:56Souveränität.

24:58Darauf haben die Österreicher nur

25:00gewartet. Schon die geringste Ablehnung

25:03wirten sie als Kriegsgrund.

25:05Was einem an der Entscheidungsfindung

25:07der der Österreicher sehr auffällt, ist

25:09der ist die das Fehlen eines Plan B,

25:12nicht? Also, was machen wir, wenn die

25:13Russen eingreiften? Wie ändern wir dann

25:15die Disposition? Also manchmal fühlt man

25:17sich erinnert an Igel, die eine große

25:20Autobahn überqueren, ohne auf die auf

25:22die Autos zu schauen, hoffend, dass sie

25:24irgendwie am anderen auf der anderen

25:26Seite ankommen werden.

25:28[Musik]

25:3128. Juli 1914,

25:35nur noch vier Tage bis zum Krieg.

25:39Erst am Vortag ist der Kaiser aus dem

25:41Urlaub nach Berlin zurückgekehrt.

25:45Jetzt erfährt er von der Zuspitzung der

25:47Lage, die zu eskalieren droht. Der

25:50Erpressungsversuch hat nicht

25:51funktioniert.

25:54Wilhelm II. gerätt nun in Panik und

25:56redet sich in Rage. Er will jetzt keinen

25:59Krieg mehr zwischen Österreich und

26:01Serbien, denn das Ultimatum wurde doch

26:03weitgehend akzeptiert. Im Notfall will

26:06er den Blancosek zurückziehen und Kaiser

26:09Franz Josef sitzen lassen. Doch sein

26:12Kanzler Betmann Holwig sieht das anders.

26:15Er will Wien weiterstützen.

26:18Erst zu dieser späten Stunde funkt der

26:20Kaiser dann dazwischen. Meint, wir

26:21brauchen keinen Krieg mehr, das ist

26:22schon zu spät. Das zeigt, dass dieser

26:24Kreiser eigentlich die Geschicke seines

26:26Landes nicht entschieden hat, sondern

26:28die verantwortlichen Minister.

26:32So läuft in Wien ungehindert der

26:34Countdown.

26:36Am 28. Juli unterschreibt Kaiser Franz

26:39Josef die Kriegserklärung an Serbien.

26:43[Musik]

26:49Mit dieser Unterschrift haben Leo

26:51Pfeffers Untersuchungen keine Bedeutung

26:53mehr. Noch glaubt man, der Krieg sei

26:56begrenzbar. Österreich gegen Serbien. Es

26:59ist noch kein Weltkrieg.

27:02Doch die Reaktionen lassen nicht lange

27:04auf sich warten.

27:06Der Zar muss nun Farbe bekennen. Steht

27:08er zu Serbien? Er will keine Schwäche

27:11zeigen.

27:14Ein großer Krieg rückt jetzt näher.

27:17Russland und Frankreich suchen einen

27:19weiteren Verbündeten,

27:21England.

27:24Doch London fühlt sich von der Krise

27:26nicht betroffen.

27:28Die englische Öffentlichkeit ist gegen

27:30eine Beteiligung an dem Konflikt.

27:33Erleichtert notiert der britische

27:35Premierminister Asquill. Zum Glück

27:38besteht offenbar kein Grund, weshalb wir

27:40mehr als reine Zuschauer sein sollen.

27:43Der Zahl lässt sich davon nicht beirren.

27:45Am 29. Juli befiehlt er die

27:48Generalmobilmachung.

27:50Es droht Krieg.

27:55Da passiert etwas Unerwartetes.

27:58Am Abend des 29. Juli in einem

28:01Telegraphenamt der russischen Armee.

28:05Ein eiliger Befehl des Zaren.

28:10Stopp der Generalmobilmachung.

28:16Mit den Worten: "Ich werde nicht die

28:18Verantwortung für ein monströses Blutbad

28:21übernehmen, besteht der Z darauf, den

28:24Befehl zu wiederrufen." Was ihn zur

28:26Rücknahme bewegte, war das Eintreffen

28:29eines Telegramms vom deutschen Kaiser.

28:31Unter dem Kosenamen Willly und Nicki

28:34schreiben sich die beiden Männer seit

28:35Jahren auf Englisch.

28:38Obwohl längst die Minister den Kurs

28:40bestimmen, glauben Wilhelm und der Zar

28:42den Frieden durch ihre Familienbande

28:44erhalten zu können. Wilhelm schreibt,

28:47man müsse den schlimmsten Krieg

28:48verhindern, den Europa je erlebt habe.

28:53Der russische Zar und der deutsche

28:55Kaiser hätten die Möglichkeit gehabt,

28:58die Sache anzuhalten.

29:01Aber das hätte vorausgesetzt, dass sie

29:03sich gegen den Stab ihrer Experten und

29:05gegen die öffentliche Meinung

29:07durchsetzen. Das Problem ist, Nikolaus

29:10und Wilhelm haben, als sie

29:13Weltgeschichte hätten, anders laufen

29:15lassen können, sich als zu schwach

29:17erwesen.

29:21Am nächsten Tag ruft der russische

29:23Außenminister Sergei Sasonov im

29:25Zarenpalast an.

29:30Nach qualvollen Minuten des Wartens hört

29:32Sasanov die anfangs nicht

29:34wiederzuerkennende Stimme eines Mannes.

29:37Es ist der Zahn.

29:42Der Minister drängt auf eine Audienz um

29:4415 Uhr.

29:46[Musik]

29:56[Musik]

30:0150 Minuten lang redet Sasanov auf den

30:04Zaren ein. Man habe die Grenzen der

30:06Nachgiebigkeit weit überschritten und

30:08könne dem Krieg nicht entgehen. Er

30:10beruhigt den Zaren damit, dass die

30:13Deutschen und Österreicher durch ihr

30:15Verhalten den Krieg heraufbeschwören.

30:17Der Zar gibt nach und befiehlt die

30:19Wiederaufnahme der Generalmobilmachung

30:22gegen Österreich und Deutschland. Es ist

30:26ein sehr paradoxes Merkmal dieser Krise,

30:29dass alle das Gefühl hatten, alle

30:31überzeugt waren, wir greifen nicht an,

30:33wir reißen den Krieg nicht vom Zaun,

30:36sondern der Gegner zwingt uns der Krieg

30:38auf. Und das haben alle geglaubt.

30:4530. Juli 1914,

30:49noch zwei Tage bis zum Krieg.

30:52In Berlin schockt die Nachricht, die

30:54Russen sammeln die Truppen. Aber noch

30:57hat der Zar keinen Krieg erklärt und

30:58Berlin könnte noch einmal versuchen zu

31:01verhandeln.

31:03Doch die Deutschen stehen jetzt unter

31:04Zugzwang. Was wenn Russland bald

31:07angreift und was, wenn Frankreich

31:09Russland unterstützt? Dann hat

31:11Deutschland einen zweifronenkrieg. Für

31:13diesen Fall hat das Deutsche Reich einen

31:16Plan.

31:18[Musik]

31:22Im Bundesarchiv liegt das

31:25Schlüsseldokument, das im Sommer 1914

31:28zur Grundlage für die deutsche

31:30Kriegsführung wird.

31:34Es ist eine unscheinbare Handschrift,

31:36die 20 Blätter umfasst.

31:44[Musik]

31:47Die Denkschrift stammt aus dem deutschen

31:49Generalstab und beschreibt das Vorgehen

31:51des Reiches im Falle eines Krieges der

31:54Großmächte in Europa.

31:58[Musik]

32:06Das Deutsche Reich hat nicht die Kraft

32:08und Ausdauer für einen langen Krieg an

32:10zwei Fronten.

32:13Deshalb ist der deutsche Plan im

32:14Kriegsfall zuerst alle Kräfte an die

32:17Westfront werfen und in wenigen Wochen

32:20Frankreich besiegen.

32:23Dann mit der siegreichen Armee schnell

32:25nach Osten, um die Russen zu schlagen.

32:28Alternativen zu diesem Vorgehen gab es

32:30seit 1913 nicht mehr.

32:35Das Fatale ist eben, dass die Militärs

32:36nur einen Plan vorhten. Das war ja eine

32:39Reduzierung der Möglichkeiten für ein

32:41Land wie Deutschland, das in der Mitte

32:43Europas lag mit ganz vielen

32:45verschiedenen Konstellationen, die ja

32:46denkbar waren. Also, das ist schon ein

32:49aus heutiger Sicht kaum mehr zu

32:50begreifender Fehler gewesen, den da die

32:53Militärs gemacht haben, aber auch die

32:55Politik das zu akzeptieren.

32:58Der Plan des Generalstabs basiert auf

33:01Schnelligkeit. Man dürfe nicht abwarten,

33:03was der Gegner macht und dann reagieren.

33:06Der Plan fordert, dass Deutschland

33:08angreift. Jetzt zählt jede Stunde. Die

33:11Militärs reißen das Steuer an sich.

33:14Es ist das Verhängnis, dass die

33:17Möglichkeiten der Politik darauf zu

33:19reagieren eingeschränkt sind auf einen

33:22militärischen Plan, der detailliert

33:24ausgearbeitet ist, sodass man sich also

33:27gleichsam in diesem Augenblick in das

33:29Gefängnis einer Organisationslogik des

33:32Militärs hineinbeginnt.

33:361. August 1914,

33:40noch 9 Stunden bis zum Krieg.

33:45Berlin am Morgen des 1. August,

33:49der Schicksalstag.

33:56Der Zar hat den Aufmarsch seiner

33:58Streitkräfte nicht gestoppt.

34:01Der deutsche Kaiser muss eine

34:02Entscheidung treffen.

34:13Um 17 Uhr unterschreibt er die deutsche

34:17Mobilmachung.

34:19Gleichzeitig wird Russland der Krieg

34:22erklärt.

34:27Diese Unterschrift besiegelt das

34:29Schicksal Europas.

34:34Mit der deutschen Kriegserklärung am 1.

34:36August 1914 ist natürlich klar, wer der

34:38Buman ist. Ich man kann über die

34:40Generalmobilmachung diskutieren der

34:42Russen natürlich, aber die Deutschen

34:44sind die ersten, die einer anderen

34:46Großmacht den Krieg erklären. Und damit

34:48haben die Deutschen natürlich in der

34:49internationalen Öffentlichkeit die Rolle

34:51des Boomers.

34:53Millionen Männer werden in Deutschland

34:55aus dem Alltag gerissen.

34:58Am 3. August erklärt das Deutsche Reich

35:01auch Frankreich den Krieg, da der

35:03Generalstab vor sie zuerst im Westen

35:05anzugreifen.

35:08Im 10 Minuten Takt fahren die

35:10Truppenzüge in das Aufmarschgebiet.

35:13Frankreich hat jedoch die Grenzen zum

35:15Reich stark befestigt.

35:20Daher sieht der deutsche Plan vor, dass

35:22die Armeen durch das neutrale Belgien

35:24marschieren und dann die französische

35:27Grenze überschreiten.

35:33So fallen die Deutschen in ein

35:34unbeteiligtes Land ein.

35:42Bis zum Schluss eigentlich hat die

35:44deutsche Generalität geglaubt, dass die

35:46Belgia keinen Widerstand leisten. Das

35:49allerdings war eine Fehlkalkulation

35:52mit erheblichen politischen Folgen.

35:55Der Einmarsch schockt die bislang

35:56neutralen Briten. Am 4. August erklärt

35:59England, dem deutschen Reich, den Krieg.

36:02Das britische Empire macht mobil. Es ist

36:05ein weiterer Schritt zum Weltkrieg.

36:09Überall marschieren jetzt die Truppen.

36:11Die Zeit der Diplomatie ist vorbei.

36:19Von Sarajevo ist in diesen Tagen kaum

36:21mehr die Rede. Ein amerikanischer

36:23Diplomat schreibt am 2. August 1914:

36:28"Kein Mensch scheint sich daran zu

36:29erinnern, dass noch vor wenigen Tagen

36:32Serbien in dieser Angelegenheit die

36:34Hauptrolle gespielt hat.

36:37Weder Leopffer noch andere nach ihm

36:39fanden jemals einen Beweis, dass die

36:41serbische Regierung in den Mordanschlag

36:44verwickelt war. Doch das spielt keine

36:46Rolle mehr.

36:49Wer entfachte den ersten Weltkrieg?

36:52Lange Zeit galt Deutschland als der

36:54Hauptschuldige. Doch neuere Forschungen

36:56hinterfragen diese Sicht und führen zum

36:59Streit der Historiker.

37:02Die Hauptverantwortlichkeit

37:04des Deutschen Reiches an der Auslösung

37:07des Krieges von 1914

37:09im Juli 1914 steht für mich außer

37:12Zweifel. Die Deutschen haben auf den

37:16Knopf Krieg gedrückt zu einem Zeitpunkt,

37:19wo die Möglichkeiten zum Verhandeln

37:22trotz Mobilmachungen und Vormobilmachung

37:25überhaupt noch nicht ausgeschüpft waren.

37:31Natürlich hat das Deutsche Reich eine

37:34einen großen Teil an der Verantwortung,

37:36aber die Versuche eine

37:37Hauptverantwortung, eine Hauptschuld für

37:39den Ausbruch des ersten Weltkrieges

37:40jetzt zu finden, herauszudestillieren,

37:43jetzt den Schuldigen auszumachen,

37:46das überzeugt mich nicht wirklich und

37:47ich glaube, dass wir dahinkommen

37:49sollten, dass eine europäische Krise ist

37:52zu begreifen. sind die Europäer. Es sind

37:54die europäischen Staatsmänner, wenn man

37:56so will. Die ist im Juli 1914 verzogen.

38:04Dieser Krieg war in seiner Entstehung

38:06ein europäischer Krieg. Er ist

38:08europäisch entstanden und ihn muss man

38:11europäisch sehen. Es gab Paranoie, es

38:13gab Aggressivität

38:16bei der deutschen militärischen und auch

38:18bei der zivilen Führung. Das ist keine

38:20Frage, aber Paranoia, Imperialismus,

38:23Aggression gab es auch in den anderen

38:26Entscheidungszentren. Die Verantwortung

38:27ist verteilt. Es gibt auch andere, die

38:30mit ihren Aktionen, mit ihren Handlungen

38:33die Krise eskaliert haben.

38:35Aber haben die Deutschen mit ihrem

38:36Blancock am 6. Juli 1914

38:40nicht den entscheidenden Stein ins

38:42Rollen gebracht?

38:43Das halte ich wirklich für fast

38:45verbrecherisch. Was da passiert ist,

38:48dass man diese Erpressungsstrategie

38:51beverfolgt hat. Die europäische

38:53Diplomatie von damals war eigentlich

38:55anders gestreckt. Man hat immer

38:58verhandelt und jetzt sagen die Deutschen

39:00plötzlich, es wird nicht mehr

39:01verhandelt. Es wird zugeschaut, was die

39:03Österreicher mit den Serben machen. Das

39:06konnten die anderen nicht tolerieren.

39:09Doch wie verhalten sich die Nachbarn in

39:11dieser Situation?

39:15Im Grunde genommen handeln die Russen

39:17und Franzosen nicht anders als die

39:18Deutschen. Auch sie bauen das Risiko

39:21eines Krieges ein in ihr Handeln und in

39:24ihr Denken. Alle handeln sehr egoistisch

39:27nach den eigenen vermeintlichen

39:29Interessen und niemand stellt sich die

39:31Frage, wie kommt es bei dem Gegner an?

39:33Inwiefern wird der Frieden gefährdet

39:34durch dieses Handeln? Auf diese Frage

39:36kommt niemand, äh sondern alle gehen mit

39:38einem erstaunlichen Leichtsinn in das

39:40Risiko hinein.

39:42[Musik]

39:43Ah.

40:25ausbrach, war ein Akt kollektiver

40:28Selbstzerstörung Europas ohne Sinn. Es

40:32war also eine eine ein großes ein großes

40:35Missverständnis, wenn man so will,

40:37überall böse Absichten. Das führt dann

40:38ja auch dazu, dass sich alle angegriffen

40:41fühlten. Alle glaubten, der andere ist

40:43der Angreifer und wir verteidigen uns.

40:45Es ist ja eine Ironie der Geschichte.

40:47Wie wie kann das funktionieren? Alle

40:49griffen an, alle haben selber Offensiven

40:51gemacht und haben gesagt, ja, wir sind

40:52aber nur die Verteidiger. Es ist

40:54eigentlich ein Muster Beispiel, wie

40:56Menschen wie wie wie ja wie wie schief

40:59Menschen die Welt wahrnehmen können.

41:01Er sah sein Reich in Gefahr. Kaiser

41:04Franz Josef erlebt das Ende des Krieges

41:07nicht mehr. Er stirbt 1916.

41:11Die Doppelmonarchie zerfällt zwei Jahre

41:13später, wie er es befürchtet hatte.

41:15Seine Familie wird aus Österreich

41:17vertrieben und darf das Land nicht mehr

41:19betreten.

41:25Das Reich des Zaren wird durch den Krieg

41:27schwer erschüttert. Die

41:29Oktoberrevolution 1917

41:32stürzt Nikolaus. Die Kommunisten kommen

41:34an die Macht. 1918 wird er von den

41:37Sowjets erschossen mit seiner Familie.

41:46Auch Kaiser Wilhelm verliert sein Reich.

41:48Nach dem verlorenen Krieg bricht in

41:49Deutschland eine Revolution aus. Wilhelm

41:52II flüchtet nach Holland ins Exil. Er

41:55wird nie mehr deutschen Boden betreten.

41:59[Musik]

42:05Er und andere Herrscher hatten im August

42:081914 geglaubt, einen kurzen siegreichen

42:12Krieg führen zu können. Ich bin der

42:14festen Überzeugung, dass die

42:16Entscheidungsträger aller Nationen

42:19anders gehandelt hätten, als sie im Juli

42:2114 gehandelt haben, wenn sie gewusst

42:23hätten, dass am Ende dieses Krieges

42:26mindestens 10 Millionen tote Soldaten

42:29herumliegen würden. Sie hätten

42:32gehandelt.

42:34Viele Millionen, meist junge Menschen,

42:37zahlten den Preis für den Irrweg der

42:41Mächtigen.

42:42[Musik]

42:44Die werden weise, indem wir wachsam sind

42:46für unvorhersehbare Konsequenzen unseres

42:49Tons und dass ähm Staatsmänner sozusagen

42:53bereit sind, die Verantwortung auf sich

42:55zu nehmen für die für die Ergebnisse

42:57ihres Handelns. Denn denn diese diese

43:00wahnsinnige Fähigkeit Konflikte

43:01herbeizuführen und und sich irgendwie

43:03aus der aus der Verantwortung dafür

43:05herauszuargumentieren, diese Fähigkeit

43:08ist bei den heutigen Staatsmännern und

43:10Staatsfrauen genauso ähm vorhanden wie

43:12bei ihren Vorgängern. im Jahre 19 und

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