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Intro
0:00Gute Lügner sind beliebter als andere Menschen, das wollen zumindest Forscher herausgefunden haben.
0:07Auf diese dreisten Fälscher, kreativen Phantasten und respektlosen Betrüger jedenfalls scheint die Theorie zuzutreffen.
Der Hauptmann von Köpenick
0:21Andere belügen und trotzdem beliebt sein? Geht! Das beweist 1906 ein arbeitsloser Schuster in Berlin.
0:30Über Nacht wird er zum bekannten Medienstar, mit Hilfe einer Uniform und einer Mütze vom Trödel.
0:37Einfach, aber effektiv ist die Ausstattung von Friedrich Wilhelm Voigt, besser bekannt als der Hauptmann von Köpenick.
0:45Voigt ist vorbestraft, besitzt keine Aufenthaltsberechtigung für Berlin und findet deshalb keine Anstellung. Er sieht sich in seiner Existenz bedroht.
0:55Also hält Wilhelm Voigt in einer gebrauchten Hauptmannsuniform am Nachmittag des 16. Oktober 1906 eine Wachmannschaft der preußischen Armee an und stellt sie unter sein Kommando.
1:09Die Soldaten folgen ihm im preußischen Gehorsam zum Rathaus des Städtchens Köpenick bei Berlin.
1:15Niemand zweifelt an seinem Auftrag oder Rang, dabei hat der falsche Hauptmann nicht einmal gedient.
1:22Verzeihen Sie, Herr Hauptmann, so eine Situation hatte ich noch nie. Sie müssten aber dennoch die Auszahlung der Stadtkasse quittieren.
1:29Aber selbstverständlich, guter Mann! Sie tun ja auch nur ihre Pflicht.
1:34Selbst als er nach der Stadtkasse verlangt und den Bürgermeister verhaftet, schöpft niemand Verdacht.
1:41Dass der Hauptmann alle nur an der Nase herumführt, auf diese Idee kommt im Rathaus niemand.
1:47Denn alles passiert ja angeblich auf „allerhöchsten Befehl“. Voigt spielt seine Lüge überzeugend.
1:54Und so marschiert er wenig später mit seiner Beute – es ist von rund 4000 Mark die Rede - unbehelligt von dannen.
2:01Achtung! Sie haben Order das Rathaus noch eine halbe Stunde besetzt zu halten und dafür Sorge zu tragen, dass niemand das Gebäude verlässt oder herein kommt.
2:10Haben sie mich verstanden? Zu Befehl, Herr Hauptmann!
2:13Der Bürgermeister und die anderen "Verhafteten" werden währenddessen per Kutsche auf die Wache nach Berlin überstellt, wo sie allerdings niemand erwartet.
2:24Der Schwindel fliegt auf. Der falsche Hauptmann wird 10 Tage später verhaftet.
2:29Angeblich, so erzählt Voigt später, wollte er nur ein Passformular aus dem Rathaus holen,
2:36das ihm die Behörden aufgrund seiner Vorstrafen verweigert hatten. Preußens Armee ist blamiert.
2:42Und der dreiste Lügner? Der wird zum Sympathieträger.
2:47Die Welt lacht über den Streich, der die deutsche Militär- und Uniform-Gläubigkeit in Frage stellt. „Der Held von Köpenick", titelt die Berliner Volks-Zeitung.
2:57Sogar Kaiser Wilhelm II. soll Voigt als "genialen Kerl" bezeichnet haben und begnadigt ihn nach nur zwei Jahren Haft.
3:05Als Wilhelm Voigt das Gefängnis verlässt, erwarteten ihn Presse und Rundfunk.
3:10Durch die Gnade seiner Majestät, bin ich der Freiheit und damit dem Leben wiedergegeben.
3:16Die lebhaften, mir von allen Seiten entgegengebrachten Bekundungen sind ein schönes Geschenk, dass mir in meinen alten Tagen von ihnen gemacht wird.
3:27Später verkauft er seine Geschichte unter dem Titel „Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde“ als Buch und gelangt zu Wohlstand.
3:351956 schlüpft Publikumsliebling Heinz Rühmann in die Rolle dieses zweifellos beliebten Lügners.
3:44Bis heute steht die „Köpenickiade“ für Hochstapelei, bei der durch Amtsanmaßung Gehorsam erschlichen wird.
Hamburg
3:53Bei unserem nächsten Beispiel geht es nicht um eine Person, sondern um die Stadt Hamburg. Auch sie zählt zu den beliebtesten Schwindlern der Geschichte.
4:04Hamburg gilt heute nicht nur als die schönste, sondern auch als die lebenswerteste Stadt Deutschlands.
4:09Gleich mehrere Studien zeigen, dass die Menschen in der Hansestadt zu den glücklichsten in Deutschland gehören,“ mit diesen Worten wirbt die Hafen-Stadt selbst auf ihrer Website.
4:21Und auch bei Touristen wird die Elb-Metropole immer beliebter.
4:24Erfolg-Garant ist bis heute der Hafen: er hat die Stadt groß gemacht und bis heute schlägt hier noch das wirtschaftliche Herz der Hanse-Stadt.
4:34Der Grundstein für den Aufstieg Hamburgs wird am 7. Mai 1189 gelegt.
4:41Auf dieses Datum ist der sogenannte Barbarossafreibrief datiert, einer der bedeutendsten Schätze des Staatsarchivs Hamburgs.
4:50Mit ihm räumt Kaiser Friedrich Barbarossa der Stadt an der Elbe zahlreiche Vorrechte ein, wie das Recht, Märkte abzuhalten, die Befreiung von der Grundsteuer und am wichtigsten:
5:03Zollfreiheit für alle Handelsschiffe, die auf der Elbe von der Nordsee bis zum Hamburger Hafen fahren wollen.
5:09Umfassendere Rechte hätten sich die Kaufleute der Siedlung an der Alster nicht wünschen können. Der Freibrief gilt als Geburtsschein des Hamburger Hafens.
5:19Im Verbund der Hanse erlebt die Stadt im Mittelalter ihre erste große Blütezeit.
5:24Die Hamburger handeln mit Fellen, Wolle, Wachs, Heringen und Getreide; nach der Entdeckung Amerikas
5:32und der Entwicklung der Asienrouten auch mit Kaffee, Baumwolle, Seide, Pfeffer, Porzellan und Tabak.
5:39Hamburg wird dank seines Hafens und der Hanse zur Weltstadt Eine steile Karriere, die – wie man heute weiß – auf einem riesigen Schwindel beruht.
5:51Das belegt die Analyse des Hamburger Historikers Heinrich Reincke vor gut einhundert Jahren.
5:57Er untersucht den Freibrief, der noch heute im Hamburger Staatsarchiv liegt und kommt zu dem Schluss, Kaiser Barbarossa hat das Dokument nie ausgestellt.
6:07Es handelt sich um eine dreiste Fälschung!
6:10Die Urkunde ziert ein falsches Siegel, die Zeugen der Kaiserurkunde sind nicht auffindbar und auch die Schrift ist anders, als man zu Zeiten Barbarossas geschrieben hat.
6:21Der Beliebtheit der Elb-Metropole tut das keinen Abbruch. Die Deutschen lieben ihr Hamburg, erschummelte Sonderrechte hin oder her.
6:32Bis heute gehört er zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellern: Karl May.
Karl May
6:41Er scheint die Wüsten Afrikas und Arabiens genauso zu kennen wie die Prärien Amerikas.
6:48Old Shatterhand, Winnetou oder Kara Ben Nemsi, die Helden seiner Reiseerzählungen, haben den Schreiber aus Radebeul bei Dresden berühmt gemacht.
6:58In den 1890-er Jahren sind seine Auftritte legendär und seine Fans feiern ihn bis heute.
7:06Karl May schafft es spielend, sie mitzunehmen zu den fantastischen Schauplätzen seiner Romane.
7:13Die meisten zweifeln nicht daran, dass er die Welt seiner Bücher auch wirklich bereist hat.
7:18Man glaubt ihm, wenn er versichert, er habe seinen Helden gegenübergestanden von Angesicht zu Angesicht.
7:28Ich habe eine Frage, sind Sie Winnetou tatsächlich begegnet? Selbstverständlich! Ich könnte an seiner Stelle jederzeit 25.000 Mann befehlen. Weitere Fragen!
7:45Je größer der Hype, desto größer Mays Aufschneiderei: 40 Sprachen will er beherrschen. Am Ende verschwimmen Fiktion und Realität so weit, dass er behauptet, er selbst sei Old Shatterhand.
7:59In Wirklichkeit ist May einer, der sich die Welt seiner Helden nur erträumt, um seine deprimierende Jugend zu vergessen.
8:06Er wird 1842 in eine bitterarme Weberfamilie hineingeboren. Die Kindheit zu Hause ist hart und streng.
8:14Während der Volksschule zwingt der Vater ihn, ganze Bücher abzuschreiben. Er soll etwas lernen, damit es ihm einmal besser geht.
8:22Aber für das Gymnasium reicht das Geld nicht. Es bleibt das Lehrerseminar.
8:26Die Taschen- Uhr seines Zimmerkameraden, die er angeblich unerlaubt benutzt, bringt ihn für sechs Wochen ins Gefängnis.
8:35Viel schlimmer aber: Die Vorstrafe macht seine Karriere als Lehrer zunichte. Mit 19 Jahren steht er vor dem Nichts.
8:44Karl May rutscht ab, leidet unter psychischen Störungen und begeht immer wieder kleinere Diebstähle.
8:50Insgesamt fast 8 Jahre verbringt er in diversen Zuchthäusern - wegen Hochstapelei, Betrug oder Amtsanmaßung.
8:59Zuflucht bietet ihm allein die Fantasie. In einer Anstaltsbibliothek entdeckt er Reiseschilderungen,
9:06die er verschlingt und die ihm den Rohstoff für seine späteren Abenteuergeschichten liefern.
9:12Alles, was May über fremde Länder und Leute weiß, hat er sich aus zweiter Hand angeeignet.
9:19Die Quellen, die ihm für seine eigenen Erzählungen dienen, verschweigt er meist.
9:23Als er 1875 seine erste Winnetou-Geschichte veröffentlicht, hat er noch nie einen Fuß außerhalb Deutschlands gesetzt. Dennoch inszeniert er sich gern als Reiseschriftsteller.
9:36lässt sich die Gewehre seiner Erzählungen wie die berühmte Silberbüchse Winnetous anfertigen, um die Echtheit seiner Reisen zu dokumentieren oder posiert auf Fotos im Kostüm von Old Shatterhand.
9:49Realität und Fantasie verschwimmen mehr und mehr.
9:54Karl May schreibt wie ein Besessener. Seine Gesamtauflage wird auf 200 Millionen geschätzt, übersetzt in mehr als 40 Sprachen.
10:04Erst um 1910 verdichten sich Gerüchte, Karl May sei ein Plagiator, der sein Publikum hinters Licht führe.
10:12Bis heute rätseln Experten über Karl Mays Persönlichkeit: Was war der begnadete Geschichtenerzähler?
10:18Ein Marketing-Genie? Ein Lügner? Ein Fall für den Psychiater? Oder gar alles zusammen?
10:24In seiner Biographie outet er sich als "gespaltene Persönlichkeit". Ist das die Wahrheit? Wahrscheinlich nur eine weitere Finte.
10:32Fest steht, mit seinen Geschichten hat er Abertausende begeistert und gefesselt – ganz egal, ob die wahr oder erfunden sind, beliebt ist Karl May bis heute.
10:45Fazit: Manche Lügen haben zieeemlich lange Beine. Welche beliebten Lügner kennt ihr noch? Lust auf wahre Geschichte? Dann abonniert diesen Kanal!